Fachtag zum Equal Care Day

Am Montagmorgen, den 2. März, hatte das Mädchen*netzwerk die Möglichkeit, am digitalen Fachtag zum Equal Care Day teilzunehmen und viele neue und spannende Perspektiven zu diesem wichtigen Thema zu erfahren – herzlichen Dank an das Sozialministerium bzw. die Allianz für Beteiligung sowie an alle Beteiligten für die Einladung, die Organisation und die bereichernden neuen Erkenntnisse!

Was ist überhaupt der Equal Care Day?

Seit genau zehn Jahren findet immer am 29. Februar – im Schaltjahr – beziehungsweise, wie dieses Jahr, am 1. März der Equal Care Day (kurz: ECD) statt. Dieser besondere Tag ist, wie es Staatssekretärin Dr. Ute Leidig vom Baden-Württemberger Sozialministerium in ihrer Ansprache zum Fachtag formuliert, ein „Symbol für alle Arbeit, die oft unsichtbar bleibt, aber unsere Gesellschaft zusammenhält“: Eben die sogenannte Care-Arbeit, das heißt unbezahlte Arbeit in Erziehung, Pflege, Haushalt etc.

Zum größten Teil sind es Frauen, die diese Arbeit leisten, aber oft kurz- und langfristig infolgedessen erhebliche strukturelle Nachteile tragen müssen. Um nur ein paar Beispiele hierfür zu nennen: Die Gender Pay Gap, Gender Care Gap und die Gender Pension Gap vergrößern sich – letztere liegt in Baden-Württemberg sogar bei 46% Prozent, also fast die Hälfte Unterschied in der Rente von Männern und Frauen! Mütter sind tendenziell eher finanziell abhängig, denn Beruf bzw. Karriere und Mutterschaft scheinen aufgrund etwa mangelhafter Betreuungsinfrastruktur manchmal unvereinbar und das Risiko für Altersarmut steigt. Dabei kann eine Erwerbstätigkeit ein wichtiger Teil des Lebens sein, wie Leidig betont: Für Freiheit, Teilhabe und Selbstständigkeit.

Die unbezahlte Care-Arbeit soll, etwa durch den 2016 ins Leben gerufenen Equal Care Day, sichtbarer gemacht werden und dafür sensibilisiert werden; strukturelle Ungleichverteilungen sollen aufgedeckt, kulturelle Rollenzuschreibungen  und vermeintliche Selbstverständlichkeiten hinterfragt sowie auf Notwendigkeit zur Veränderung hingewiesen werden. Hierfür sei auch eine Podcastkampagne in Planung, die im Laufe dieses Jahres kommt. Für mehr Infos zum ECD könnt ihr zudem gerne auf deren Website vorbeischauen: https://equalcareday.org.

Verknüpfung von Gleichstellung und Care-Arbeit

Auf der Tagesordnung stand am 2. März im Anschluss an die Begrüßung durch Moderatorin Anni Schlumberger und Staatssektretärin Dr. Ute Leidig ein Vortrag von Keynotespeakerin Jo Lücke, der sich dem Thema „Gleichstellung – eine Frage der Care-Arbeit. Zu Sichtbarkeit, Prioritäten und Wertschätzung“ widmete. Mit Türmen aus Duplosteinen veranschaulichte uns Lücke, die Gründerin und Vorständin der Liga für unbezahlte Arbeit e.V., die geschlechtsspezifische Verteilung der unbezahlten Sorgearbeit bzw. bezahlten Erwerbsarbeit. So verbringen Personen in Deutschland pro Jahr insgesamt rund 117 Milliarden Stunden mit unbezahlter Care-Arbeit – den Großteil davon Frauen, nämlich 72 Milliarden Stunden. Die Gesamtzeit bezahlter Erwerbstätigkeiten deutscher Frauen und Männer liegt weit darunter, nämlich bei circa 61 Milliarden Stunden.

Die Bedeutung und der wirtschaftliche Mehrwert von unbezahlter Care-Arbeit sind trotz oftmaliger Unsichtbarkeit erheblich. Das Forschungsinstitut Prognos schreibt zu diesem Thema:

„Würden Kinderbetreuung und Angehörigenpflege durchschnittlich entlohnt, hätten sie einen Wert von 1,2 Billionen Euro. Zum Vergleich: das BIP im Jahr 2021 betrug 3,6 Billionen Euro.“ (Quelle)

Wow! Dabei liege das Lebenserwerbseinkommen von Frauen, insbesondere Müttern, deutlich unter dem der männlichen Mitstreiter – das von Vätern jedoch sogar über dem von kinderlosen Männern. Die Begriffe für das Zustandekommen dieser Unterschiede sind, wie uns Jo Lücke erklärte, „Mutterschaftsstrafe“ für die weiblichen finanziellen Einbußen bzw. „Vaterschaftsbonus“ für das männliche – umgekehrte – Pendant. In Deutschland sind diese „Child Penalties“ im internationalen Vergleich übrigens ziemlich hoch und gravierend, etwa im Vergleich zu skandinavischen Ländern wie Schweden oder auch Dänemark, die in diesem Sinne gewissermaßen als Vorreiter gelten können.

Bedeutung von Rollenklischees

Mitverantwortlich für die großen geschlechtsspezifischen Unterschiede bezüglich Care-Arbeit sind unter anderem kulturelle und soziale Vorstellungen und Normen. Auch heutzutage werden traditionelle Rollenzuschreibungen und dementsprechende Werte verbreitet. Als sehr präsentes modernes Beispiel aus der Popkultur hierfür nennt Lücke etwa die doch sehr traditionellen Klischees entsprechende Familie Wutz aus „Peppa Wutz“. Diese kulturellen und sozialen Rollenbilder müssten verändert und enge Rollenkorridore durchbrochen werden – hierfür können auch und besonders wir uns ganz maßgeblich einsetzen, liebe Mädchen*.

Aber auch in der Politik äußert sich die Ungleichverteilung der Care-Arbeit: So würden Frauen in der „Kinderphase“ außergewöhnlich oft in politischen Gremien und öffentlichen Ämtern fehlen; etwa aufgrund fehlender oder mangelhafter institutioneller Strukturen wie Betreuungsangebote – gerade in der Lokal- und Kommunalpolitik, bei der Sitzungen oft abends „nach der Arbeit“ stattfinden, oder im ehrenamtlichen Engagement. Dies könne dadurch erhebliche Auswirkungen haben, dass dieser Bevölkerungsteil sich auf diese Weise womöglich nicht oder nur unzureichend einbringen kann und die Interessen weniger gesehen werden – wodurch ein Teufelskreis entstehen könne.

Workshop-Session und Ausblick

Als nächsten Programmpunkt des digitalen Fachtags zum Equal Care Day durften sich die Teilnehmenden zwischen drei spannenden Workshops entscheiden:

  1. „Wenn die Voraussetzungen andere sind – Vereinbarkeit von pflegender Elternschaft und Beruf“. Workshopleitung: Lara Mars, Mitgründerin und Geschäftsführerin der gemeinnützigen GmbH lavanja.
  2. „Wie eine faire Verteilung der Sorgearbeit Beziehungen bereichert und vertieft“. Workshopleitung: Almut Schnerring und Sascha Verlan, das Gründungsteam der Initiative „Equal Care Day“.
  3. „Vereinbarkeit dank Jobsharing: wie Karriere in Teilzeit gelingen kann.“ Workshopleitung: Yvonne Demir und Patrick Metz, u. a. Autor*innen von „30 Minuten Jobsharing“.

Ich habe mich entschieden, am dritten Workshop zu diesem noch etwas unkonventionellen, aber interessant klingenden Ansatz des Jobsharings teilzunehmen und spannende Einblicke in dieses Modell bekommen. So bietet das Jobsharing eine Möglichkeit der Vereinbarkeit von Karriere, auch in Führungspositionen, und Familie bzw. Care-Arbeit, indem sich zwei Personen einen Beruf quasi aufteilen und zusammen – abwechselnd und ergänzend – im Tandem arbeiten.

Ein bisschen konnte ich aber auch in die anderen Workshops hineinschnuppern und fand es schön zu hören, wie sich Schnerring und Verlan, die vor 10 Jahren den Equal Care Day initiiert haben, freuen, welche Entwicklung dieser gemacht hat: „Wir hätten uns das nicht träumen können.“

Als Fazit wies Lara Mars, die Speakerin des ersten Workshops zur Vereinbarkeit von Pflegearbeit und Beruf, bei dem sie besonders die Bedeutung der Mental Load für pflegende Eltern sowie deren Enttabuisierung im Arbeitsumfeld betonte. Schließlich resümierte sie auf inspirierende Weise: „Veränderung beginnt zwischen mir und dir!

Das möchten auch wir, das Mädchen*netzwerk, uns zum Motto machen – macht gerne mit! 💪💕